II.2 Forschungsstand

"Es gibt wohl nur wenige sprachliche Erscheinungen, die so häufig analysiert worden sind und zugleich immer noch sehr unscharf definiert und umstritten bleiben wie das Wortspiel." 13

Die chronologisch gesehen erste deutschsprachige Monographie, die sich mit dem Phänomen Wortspiel befaßt, ist der 1895 erschienene Aufsatz "Das Wortspiel bei Shakespeare von" Wurth. In dieser Tradition, das Werk eines bestimmten Autors als Korpus für eine Untersuchung über Wortspiele zu verwenden, stehen zahlreiche weitere Veröffentlichungen, namentlich erwähnt sei hier vor allem Wagenknecht 1965 mit seiner recht strukturierten Monographie über das Wortspiel bei Karl Kraus. Daneben existiert eine ganze Anzahl von Abhandlungen, die sich mit dem Wortspiel als rhetorisch-ästhetische Erscheinung auseinandersetzen, wie z.B. Eckhardt 1909 oder Mautner 1931.
Die ersten Definitionsversuche zum Wortspiel zeichnen sich dadurch aus, daß sie sich nur auf einen Kernbereich von dem beschränken, was sich intuitiv als Wortspiel auffassen läßt: Wurth 1895, 15 bezeichnet das Wortspiel als eine

"[…] Verbindung von zwei oder mehreren, bei gleicher oder ähnlicher Lautung oft ganz entgegengesetzte Bedeutung besitzenden Wörtern."

Daran knüpft Eckhardt 1909, 675 an, der das Wortspiel als eine "Unterart des Witzes" bezeichnet, seine Beobachtungen jedoch ebenfalls auf den Bereich der Mehrdeutigkeitsspiele beschränkt:

"Das Wortspiel beruht also auf dem Gleichklang von Wörtern mit verschiedener Bedeutung; seine Grundlage bilden somit doppeldeutige Wörter." (677)

Eckhardt unterscheidet zwischen Wort- und Klangspiel (das Spiel mit ähnlich klingenden Worten) und rechnet im Gegensatz zu Wurth auch Homophone zu den Wortspielen.
Ein neuer Aspekt findet sich bei Schultz 1927, 28, nämlich der "Verstoß gegen den Sprachgebrauch":

"Vom Gebildeten verlangt man, daß er Grammatik und Orthographie als Gouvernantinnen respektiere; rohere Naturen hingegen freut es, denen Gesichter zu schneiden." (ebd.)

Was hier anklingt, verfeinert Klanfer 1936, 223 mit seiner Feststellung:

"Die Technik jedes Wortspiels besteht also in der Sprengung des Symbolfeldes…".

Diesen Aspekt der Normwidrigkeit greift Hausmann 1974 in der ersten rein linguistischen Monographie des Wortspiels auf, wenn er zu seinen einleitenden Beispielen aus der französischen Satirezeitschrift Canard enchaîné bemerkt:

"Von den Beispielen geht ein doppelter Eindruck aus: Erstens, der sprachlichen Anomalie, zum zweiten der, daß hier trotz Anomalie mitgeteilt wird." (6)

Ungeachtet dessen, daß das Werk von Hausmann als grundlegend in der Wortspielforschung zu gelten hat, beschränkt sich seine Analyse weiterhin auf die Mehrdeutigkeitsspiele, für die er den Terminus Komplexe-Text-Spiele einführt.
In den Achtziger Jahren wurde der Normwidrigkeitsgedanke erstmals konsequent formuliert, namentlich von Detering 1983. Er verabschiedet sich komplett von dem Definitionsprinzip Gleichklang oder ähnlicher Klang bei verschiedenem Sinne und versucht, Wortspiele14 anhand von sechs verschiedenen Typen von Normabweichungen zu erklären. Allerdings sind unter seinen Beispielen einige zu finden, bei denen es schwerfällt, sie intuitiv als Wortspiele zu bezeichnen. Das gleiche gilt für Dittgen 1989, deren Dissertation über "Funktionale sprachspielerische Abweichungen in Zeitungsüberschriften, Werbeschlagzeilen, Werbeslogans, Wandsprüchen und Titeln" sich vor allem durch eine riesige Menge an Belegen auszeichnet.
In neuerer Zeit befaßt sich insbesondere die Übersetzungswissenschaft mit dem Wortspiel; diese Veröffentlichungen bieten neben den übersetzungsrelevanten Aspekten meist auch einen umfassenden allgemeinen sprachwissenschaftlich-theoretischen Teil, wie z.B. bei Grassegger 1985, Heibert 1993 und Tęcza 1997. Die beiden Letztgenannten sind wohl als die fundiertesten Untersuchungen über das Wortspiel zu bezeichnen, da sie versuchen, eine Synthese zwischen dem ursprünglichen Gedanken vom Mehrdeutigkeitsspiel und dem Normwidrigkeitsprinzip zu finden. Dies gelingt vor allem Heibert 1993 in beachtlichem Maße.
Erwähnenswert ist an dieser Stelle noch die Monographie von Wilss 1989 über Anspielungen. Er trennt strikt zwischen Anspielungen und Wortspielen:

"Anspielungen sind meinem Verständnis nach nicht identisch mit Wortspielen. Man kann Wortspiele und Anspielungen pragmatisch so gegeneinander abgrenzen, daß man erstere als langue-fundiert, letztere als parole-fundiert auffaßt. M.a.W.: Wortspiele basieren auf kodifizierten Wörterbucheinheiten oder grammatischen Regeln, Anspielungen dagegen auf Texteinheiten unterschiedlicher Provenienz." (3)

Diese Auffassung hat zwar ihre Berechtigung, soll in dieser Arbeit jedoch nicht nachvollzogen werden. Alle die von Wilss in großer Anzahl gesammelten Belege für Anspielungen, könnten intuitiv auch als Wortspiele bezeichnet werden. Somit fällt es schwer, eine strikte Trennlinie zwischen Anspielungen und Wortspielen zu ziehen. Es erscheint vielmehr sinnvoll, erstere als einen Teilbereich der letzteren aufzufassen.15
Schließlich muß im Hinblick auf das Ziel dieser Arbeit auf die Veröffentlichungen zu Wortspielen in der Werbung hingewiesen werden, die es durchaus gibt, allerdings nicht in deutscher, sondern vornehmlich in englischer Sprache, wie z.B. Bürli-Storz 1980, Redfern 1982, Monnot 1982, Roos 1991 oder Tanaka 1992. Diese Untersuchungen haben alle gemeinsam, daß sie sich auf das englische pun beziehen, das wiederum nur den Kernbereich des Wortspiels bezeichnet.

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