II.3.1 Wortspiel als Normwidrigkeit

Wortspiele werden im allgemeinen vom Betrachter intuitiv als solche wahrgenommen, d.h. wenn jemand mit einem Wortspiel konfrontiert wird, fällt ihm – ohne daß er weiß, was genau ein Wortspiel ist – mit großer Wahrscheinlichkeit auf, daß es sich dabei nicht um eine "normale" sprachliche Äußerung handelt.
Woran erkennt man jedoch, daß man es mit einem Wortspiel zu tun hat? Zur Beantwortung dieser Frage soll folgendes Beispiel dienen, das wahrscheinlich jeder als Wortspiel identifizieren würde: Ein Kino wirbt für die Ausstrahlung der "Cannes-Rolle" (einer Zusammenstellung der bei einer Veranstaltung in Cannes prämierten Werbespots) auf einem Plakat mit folgender Aufschrift:

Cannes denn Werbung Sünde sein!16

Dem Leser des Plakates könnte folgendes auffallen: Der Satz ergibt – völlig isoliert betrachtet – eigentlich keinen Sinn. Der Ortsname Cannes scheint fehl am Platz zu sein, deutlich wird dies, wenn man ihn durch einen anderen ersetzt:

München denn Werbung Sünde sein!

Die Konstruktion [(Ortsname) + (Partikel) + (Substantiv) + (Substantiv) + (Infinitiv)] entspricht nicht der grammatikalischen Norm des Deutschen, Cannes denn Werbung Sünde sein! ist also eine normwidrige sprachliche Äußerung.
Eine andere Interpretationsmöglichkeit wäre, daß der Plakatschreiber das Wort Kann einfach nur falsch geschrieben hat. Dies würde gegen die orthographischen Vorgaben verstoßen, der Satz wäre also ebenfalls normwidrig.
Selbst wenn auf dem Plakat stünde

Kann denn Werbung Sünde sein!,

könnte dem Betrachter auffallen, daß der Schlagertitel Kann denn Liebe Sünde sein? falsch wiedergegeben wird, was als ein Verstoß gegen die lexikalische Norm aufgefaßt werden kann.
Doch obwohl es sich bei diesem Beispiel – wie gesehen – in mehrerlei Hinsicht um eine nicht normgerechte Äußerung handelt, kann der Betrachter sie verstehen, spätestens dann, wenn er den zweiten Satz auf dem Plakat liest:

Cannes denn Werbung Sünde sein! Die neue Cannes-Rolle ist da.

Dem Rezipienten fällt also zunächst auf, daß mit der Plakataufschrift etwas nicht in Ordnung ist, daß dort Regeln der Sprache verletzt werden. Der Kontext ermöglicht es ihm, diese Normwidrigkeit als Wortspiel zu erkennen. Auf diese Weise kommt die Kommunikation trotz der Regelverstöße zustande.17
Somit kann folgendes festgestellt werden: Ein Wortspiel entsteht durch den Bruch einer Sprachnorm, wobei der Begriff Norm sehr weit gefaßt werden muß. Mit Detering 1983, 223 soll er hier "nicht nur im Sinne normativer Regelhaftigkeit, sondern auch im Sinne des Normalen, Üblichen, zu Erwartenden [...]" verstanden werden. Das beinhaltet, daß für verschiedene Textsorten auch unterschiedliche Normen gelten, daß also z.B. eine Äußerung, die in einem Werbetext eine Normwidrigkeit darstellt, in einem Gedicht normkonform sein kann.18

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