II.3.2 Wortspiel als intentionale sprachliche Äußerung

Allerdings ist nicht jeder Normverstoß ein Wortspiel. Der folgende Satz verletzt zwar die Norm der eindeutigen Kommunikation19, da nicht eindeutig ist, auf was sich der Satzteil aus dem Munde des Konkurrenten bezieht, diese Normwidrigkeit ist jedoch kaum als Wortspiel zu bezeichnen:

Die Tränen traten Helmut Kohl bei diesem Lob aus dem Munde des Konkurrenten in die Augen.20

Der Unterschied dieser Normverletzung zu der in Cannes denn Werbung Sünde sein! liegt darin, daß sie, wie anzunehmen ist, vom Verfasser unabsichtlich erzeugt wurde. Hausmann 1974, 10 spricht in solchen Fällen von einem Fragment. Allerdings merkt er zu der Abgrenzung zwischen Wortspielen und Fragmenten ganz richtig an:

"Auf diese Frage ist bis in unsere Tage die Antwort gegeben worden, entscheidend sei die Absicht des Sprechers, ein Wortspiel zu machen. [...] Nun kann eine Absicht als psychischer Prozeß ja schlecht überprüft werden, und so wären mit dieser Definition einem endlosen Suchen nach versteckten Ambiguitäten alle Türen geöffnet. Ob ein Wortspiel vorliegt oder nicht, ließe sich dann nicht mehr objektiv feststellen." (14)

Um dieser Schwierigkeit aus dem Weg zu gehen, führt Hausmann den Begriff des Signals ein:

"Das Wortspiel als rhetorisches Verfahren muß sich wie jedes dieser Verfahren signalisieren, das heißt, es muß dafür sorgen, daß es dem Hörer als Verfahren auffällt. […] Fällt es nicht auf, war das Wortspiel nutzlos, oder, wegen des möglichen Mißverständnisses, gefährlich." (ebd.)

Signale können ausgesprochen bzw. -geschrieben sein oder indirekt über den Kontext wirken. Auch die Textsorte, in der der Regelverstoß auftaucht, gilt als ein solcher Kontext. Für die in dieser Arbeit untersuchten Werbeanzeigen kann in diesem Sinne das gleiche postuliert werden, was Hausmann über sein Korpus, die satirische französische Zeitschrift Canard enchaîné, schreibt:

"Nun befindet sich der Canard gegenüber anderen, neutraleren Texten im Vorteil. Der Leser geht mit der Erwartung, Wortspiele anzutreffen, an seinen Text heran. Er ist also in besonderem Maße […] feinfühlig auch für schwache Signalisationen." (15)

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Normwidrigkeiten nur dann Wortspiele sind, wenn sie als solche intendiert sind. Als Indikator für die Intention ist ein Signal im Kontext vonnöten.

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