II.4.1.1 Vorbemerkungen

In der inzwischen mehr als einhundertjährigen Tradition der Wortspielforschung herrscht große Einigkeit über einen Kernbereich der Wortspiele, nämlich über die Spiele, die auf dem Prinzip Gleichklang oder ähnlicher Klang bei verschiedenem Sinn beruhen.25 Analog zu Hausmann 1974 werden diese Wortspiele hier Komplexe-Text-Spiele genannt. Bei Komplexen-Text-Spielen wird mit der unterschiedlichen Inhaltsseite zweier oder mehrerer sprachlicher Einheiten gespielt, deren Ausdrucksseiten entweder gleich oder zumindest ähnlich sind. Dabei können vier Typen unterschieden werden:

  1. Homonymie: Phonie und Graphie der Ausdrucksseiten sind gleich.
  2. Homophonie: Phonie ist gleich, Graphie unterschiedlich.
  3. Homographie: Graphie ist gleich, Phonie differiert.
  4. Paronymie: Phonie und Graphie unterscheiden sich, sind aber ähnlich.

Alle vier Typen haben folgendes gemeinsam: Geraten sie unbeabsichtigt in einen Text, wirken sie störend und damit als stilistischer Fehler. Daraus folgt der Umkehrschluß, daß es sich, sobald sie absichtlich eingesetzt werden, um eine bewußte stilistische Normwidrigkeit handelt. Da die Typen zudem alle eine metasprachliche Information über die semasiologische Ökonomie der Sprache transportieren, erfüllen sie sämtliche im Vorangegangenen aufgestellten Kriterien und sind folglich als Wortspiele anzusehen.
Die verschiedenen Arten von Komplexen-Text-Spielen werden im weiteren Verlauf des Kapitels näher beschrieben. Zwei weitere Unterscheidungen innerhalb dieser Typologie des Wortspiels sind nur für die Komplexen-Text-Spiele relevant und werden ebenfalls an dieser Stelle besprochen: Dabei handelt es sich zum einen um die Unterscheidung zwischen vertikalen und horizontalen Wortspielen, die aus pragmatischen Gründen vorangestellt wird, zum anderen um die Differenzierung zwischen textinternen und textexternen Wortspielen, die sich darauf bezieht, ob ein Komplexes-Text-Spiel nur mit Hilfe außersprachlicher Mittel verständlich wird oder auch ohne sie.
Im Vergleich zu der großen Übereinstimmung hinsichtlich der Komplexen-Text-Spiele als Kernbereich der Wortspiele zeigt sich wenig Einigkeit bezüglich der Frage, inwiefern der Begriff Wortspiel über den Begriff Komplexes-Text-Spiel hinaus geht, d.h. welche Arten von Wortspielen es gibt, die nicht oder nicht hauptsächlich dem Prinzip Gleichklang oder ähnlicher Klang bei verschiedenem Sinn folgen. Einen besonders brauchbaren Ansatz hierfür liefert Heibert 1993. Er widmet sich ausführlich einem weiteren Bereich der Wortspiele, den – wie er sie nennt – Ausdrucksanomalien. Tęcza 1997 vollzieht diesen Schritt ebenfalls, er spricht von Wortspielen im weiteren Sinne. Die beiden Ansätze unterscheiden sich jedoch – wie noch gezeigt werden wird – in einzelnen Punkten recht deutlich, so daß für die vorliegende Arbeit ein Mittelweg zwischen den beiden Versuchen gefunden werden soll; der Terminus Ausdrucksanomalie wird jedoch von Heibert 1993 übernommen.
In dem sich anschließenden Kapitel "Zum Umgang mit Mischformen" wird beschrieben, wie Wortspiele einzuordnen sind, bei denen Komplexes-Text-Spiel und Ausdrucksanomalie zusammenfallen.

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II.4.1.2 Komplexe-Text-Spiele
Übergeordnetes Kapitel
II.4.1 Komplexe-Text-Spiele vs. Ausdrucksanomalien