II.4.1.2.2 Homonymie

Eine Homonymie liegt dann vor, wenn identischen Ausdrucksseiten zwei oder mehrere Inhalte zugeordnet werden können. Ein Beispiel hierfür wäre das Sprachzeichen Schloß, das sechs verschiedene Bedeutungen haben kann.28 Prinzipiell ist es möglich von der Homonymie die Polysemie abzugrenzen. Der Unterschied besteht darin, ob die Mehrdeutigkeit etymologisch begründbar ist, oder ob sie sich zufällig ergeben hat. Die Mehrzahl der Forscher hält diese Differenzierung im Zusammenhang mit Wortspielen für irrelevant, da sich der Effekt eines Wortspiels dadurch nicht ändert.29 Daher wird auch in der vorliegenden Arbeit nicht zwischen Polysemie und Homonymie unterschieden.
Ein typisches Beispiel für ein homonymisches Wortspiel ist in dem folgenden Witz enthalten:

"Wer ist der beste Baumeister?" – "Der Dummkopf; dem fällt nie etwas ein."30

Hier wird die Homonymie des Ausdrucks einfallen (1. "eine Idee haben"; 2. "einstürzen") ausgenutzt, um ein Wortspiel zu erzeugen. Die erste Bedeutung ist an das Wort "Dummkopf" geknüpft, die zweite an den "Baumeister". Es wird deutlich, daß nur durch den Kontext beide Bedeutungen aktualisiert werden und damit ein Wortspiel entsteht. Besonders interessant sind Fälle, in denen nicht nur mit einem Homonym gespielt wird, wie das nächste Beispiel zeigt:

Nur Flaschen müssen immer voll sein.31

In dieser Schlagzeile eines Plakats, das für mäßigen Alkoholgenuß wirbt, kommen zwei Homonyme vor: Flasche (1. "Behältnis für Flüssigkeiten"; 2. "Versager") und voll (1. "gefüllt"; 2. "betrunken"). Wird Flasche nur in der ersten Bedeutung verstanden, kann auch für voll nur die erste Bedeutung in Frage kommen, analog verhält es sich mit der jeweils zweiten Bedeutung. In dem Satz konkurrieren also zwei Isotopien miteinander.32 Die erste Isotopie, Nur Behältnisse müssen immer gefüllt sein, ist im Plakatkontext nicht sonderlich einleuchtend (Flaschen können zudem durchaus auch leer sein), wird aber beim Lesen wahrscheinlich als erste aktualisiert. Deshalb wird der Betrachter nach einer weiteren Interpretationsmöglichkeit suchen und auf die zweite Isotopie, Nur Versager müssen immer betrunken sein, stoßen, womit er die Aussage der Schlagzeile entschlüsselt hat.33
Nicht immer ist aber nur eine Isotopie einer Aussage bzw. eine Bedeutung eines mehrdeutigen Sprachzeichens die sinnvolle; es ist ebenfalls möglich, daß zwei (oder auch mehrere) Verstehensweisen gleichberechtigt sind, wie das folgende Beispiel zeigt:

Ich bin doch kein Tor.34

Der Ausdruck Tor ist homonym (1. "Fußballtor"; 2. "Narr, einfältiger Mensch"). Beide Bedeutungen werden gleichermaßen aktualisiert, der Titel sagt also zweierlei aus: Zum einen, daß der Autor kein Fußballtor ist, sondern es nur gehütet hat, zum anderen widerspricht er der landläufigen Meinung, daß Fußballspieler nicht besonders intelligent seien.
Bei den bisher in diesem Kapitel genannten Beispielen handelt es sich um vertikale Realisationen von Wortspielen mit Homonymen, sogenannte Amphibolien.35 Homonymische Wortspiele können aber auch horizontal realisiert werden, z.B.:

Der Juni singt ein Abschiedslied. Und jetzt
zeigt sich die Widersprüchlichkeit auf Erden:
Es hofft die Braut, daß man sie nicht versetzt,
das Schulkind aber hofft, versetzt zu werden.36

Das homonyme Verb jmdn. versetzen (1. "jmdn. vergeblich warten lassen"; 2. "jmdn. in die nächst höhere Klasse aufnehmen") wird in zwei seiner Bedeutungen jeweils einmal verwendet. Hier wird eine stilistische Norm gebrochen, die erwarten läßt, daß wenn die gleiche Wortform in unmittelbarer Nachbarschaft mehrmals verwendet wird, sie auch Träger des gleichen Inhalts ist.37 Horizontal realisierte Homonymie-Spiele werden Variationen38 genannt.

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