II.4.1.2.4 Homographie

Die Homographie hat in der Wortspielforschung ein gewisses Schattendasein inne. Entweder wird sie überhaupt nicht berücksichtigt, wie bei Hausmann 1974, oder aber es wird bestritten, daß es Wortspiele gibt, die auf Homographie basieren, unter anderem von Heibert 1993, 45:

"Weder in den mir bekannten Beispielen noch in der wissenschaftlichen Literatur über Wortspiele taucht die Homographie als Konnexionstypus von Komplexen-Text-Spielen auf."

Als Begründung wird angeführt,

"daß die Ausdrucksseite der Zeichen nicht graphisch, sondern phonetisch im Sprachbewußtsein gespeichert ist […]. Die graphische Seite des Ausdrucks steht so sehr im Hintergrund, daß bei disjunktem Inhalt und disjunkter Phonie die gleiche Graphie nicht ausreicht, um die beiden Zeichen in einer Konnexion aneinander zu binden." (ebd.)43

Dieser Ansicht kann folgendes Beispiel entgegengehalten werden:

Ein Politiker muß mit der Zeit gehen, sonst muß er mit der Zeit gehen.44

Daß es sich hier lediglich um Homographie und nicht um Homonymie handelt, liegt an der unterschiedlichen Betonung von mit der Zeit gehen und mit der Zeit gehen. Ob in Werbeanzeigen Wortspiele verwendet werden, die auf Homographie beruhen, muß im empirischen Teil dieser Arbeit gezeigt werden.45
Da es sich bei der Homographie um das Gegenstück zur Homophonie handelt, kann auch die Terminologie für die verschiedenen Typen umgekehrt übernommen werden (in der gesprochenen Sprache Substitution und Paronomasie; in der geschriebenen Sprache Amphibolie und Variation46).

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