II.4.1.2.5 Paronymie

Zwei sprachliche Einheiten sind paronym, wenn Graphie und Phonie ihrer Ausdrucksseite zwar verschieden, aber ähnlich sind. Allein diese erste Überlegung zeigt schon die Schwierigkeit auf, die mit der Paronymie verbunden ist: Wie dehnbar ist der Begriff "ähnlich"?
Eine Antwort darauf läßt sich kaum geben, meist ist es nur am Einzelfall zu entscheiden, ob zwei Ausdrücke paronym sind und somit eine Assoziation zwischen ihnen möglich ist. Hausmann 1974 hat dementsprechend auch Schwierigkeiten mit der Definition von Paronymie:

"Eine befriedigende Definition von Paronymie können auch wir nicht liefern. Wir fassen deshalb in dieser Arbeit Paronymie als diejenige Gemeinsamkeit an Phonemen oder phonologischen Merkmalen zwischen zwei Sequenzen, die bei gleichzeitiger Divergenz von Phonemen oder Merkmalen ausreicht, zwei Isotopien im Wortspiel zu konnektieren." (61ff.)

In der Tat ist das nicht befriedigend, da darin das eigentlich zu erklärende Phänomen Wortspiel zum "Bestimmungstest für Paronymie"47 gemacht wird. Trotzdem wird – in Ermangelung einer besseren Beschreibung – in der vorliegenden Arbeit auf diese Definition zurückgegriffen, da sie zumindest bestätigt, was Tęcza 1997, 63 resümiert:

"Als letzte Instanz kann im Resultat nur das Sprachgefühl des einzelnen betrachtet werden […]; auch die WS-Forscher sind an dieser Stelle auf empirisches Vorgehen angewiesen."

Paronymische Wortspiele können ebenfalls vertikal oder horizontal realisiert werden, zur Verdeutlichung dienen folgende Beispiele:

Vertikal (Substitution):

In dem Hotel, in dem sie übernachteten, waren die Treppen mit eleganten Säufern belegt.48

Horizontal (Paronomasie):

Der Rheinstrom ist worden zu einem Peinstrom,
Die Klöster sind ausgenommene Nester,
Die Bistümer sind verwandelt in Wüsttümer,
Die Abteien und die Stifter
Sind nun Raubteien und Diebesklüfter,
Und alle die gesegneten deutschen Länder
Sind verkehrt worden in Elender49 –

Am vertikalen Beispiel wird wiederum besonders deutlich, wie wichtig der Kontext für das Wortspiel ist. Durch die Lexeme Hotel, Treppen und eleganten geleitet, erwartet der Rezipient eigentlich den Ausdruck Läufern, wird dann aber durch das Paronym Säufern überrascht. Auf der anderen Seite kann dieses Wortspiel nur durch ein Paronym erzeugt werden, denn würde Säufern durch Trinkern ersetzt, wäre kein wortspielerischer Effekt bemerkbar. Es zeigt sich zudem, daß auch durch vertikale Paronymie-Spiele mehrere Isotopien gebildet werden, da das eigentlich zu erwartende Ende des Satzes (also mit Läufern statt Säufern) – auch wenn es nicht ausgesprochen wird – impliziert ist.
Bei der horizontalen Realisation der Paronymie verhält es sich ähnlich, das Beispiel aus Schillers Wallenstein zeigt außerdem, wie weit die Ausdrucksseiten zweier Paronyme voneinander entfernt sein können (z.B. Stifter – Diebesklüfter), entscheidend sind auch hier der Kontext und das Signal, das in diesem Falle typographisch durch Kursivschrift gesetzt wurde. Es muß aber noch einmal auf die zugrunde gelegte Normauffassung hingewiesen werden: So handelt es sich beispielsweise bei Endreimen in Gedichten nicht um horizontale Paronymie-Spiele, da Reime in Gedichten zur Norm gehören und somit das grundlegendste Definitionskriterium für Wortspiele – die Normwidrigkeit – nicht erfüllt wird.
Einen Sonderfall der Paronymie stellen die sogenannten Contrepèterien dar, bei denen durch das Vertauschen von Buchstaben innerhalb eines oder zwischen zwei Sprachzeichen Paronymie erzeugt wird, z.B.

Sehnen einer Zehe.50

Contrepèterien können ebenfalls vertikal oder horizontal realisiert werden. Fällen, bei denen das Derivat keinen neuen Sinn ergibt, muß – wie den absoluten Neologismen – der Wortspielcharakter abgesprochen werden.51

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