II.4.1.3.3 Systemleerstellen-Neologismen

Die Wortbildung ist in jeder Sprache an gewisse Regeln, sogenannte Wortbildungsprogramme, gebunden. Systemleerstellen sind dagegen "Fälle von Wortbildung, bei denen ein anderes als das normkonforme Programm angewendet wird."61 Wenn sprachliche Einheiten aufgrund von Systemleerstellen gebildet werden, müssen nicht zwangsläufig Wortspiele entstehen. Systemleerstellen werden in der Alltagssprache häufig genutzt um "fehlendes" Sprachmaterial zu ergänzen.62
Systemleerstellen-Neologismen sind dann wortspielhaft,

"[…] wenn die Diskrepanz, welche die semantischen Restriktionen bei Wortbildungsprogrammen motiviert, bewußt benutzt und ausgespielt wird."63

Ein gutes Beispiel für ein solches Wortspiel ist das fast schon legendäre

Unkaputtbar

aus der Coca-Cola-Werbung.64 Hierbei handelt es sich theoretisch sogar um einen doppelten Systemleerstellen-Neologismus: Aus dem Adjektiv kaputt müßte zunächst ein Verb auf -en gebildet werden, um den Vorgang von kaputt machen zu beschreiben (analog zu z.B. würdig > würdigen; "würdig machen"). Anschließend könnte von diesem Verb *kaputten das Adjektiv unkaputtbar abgeleitet worden sein, das etwas bezeichnet, was nicht kaputt gemacht werden kann (analog zu zerstören > unzerstörbar).65
Ebenfalls zu dieser Gruppe von Wortspielen ist zu zählen, was Tęcza 1997, 89f. als Flexionsspiele bezeichnet.66 Darunter fällt beispielsweise folgende Äußerung eines ungeduldigen Beifahrers an einer schon auf grün umgesprungenen Ampel:

Grüner wird’s nicht!67

Farbadjektive sind grundsätzlich nicht steigerbar. Wenn also – wie in diesem Fall – bewußt gegen diese semantische Restriktionsregel verstoßen wird, handelt es sich ebenfalls um ein auf Ausdrucksanomalie basierendes Wortspiel.68

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