II.4.1.3.3 Lautverschriftungen

Zu dieser Gruppe gehören alle Ausdrucksanomalien, die auf der Diskrepanz zwischen Phonie und Graphie von sprachlichen Einheiten beruhen, das heißt diejenigen Fälle, in denen die Aussprache in Buchstabenkombinationen umgesetzt wird und damit Sprachzeichen erzeugt werden, die so nicht im Lexikon einer Sprache gespeichert sind. Bei diesen Ausdrucksanomalien sind zwei Arten zu unterscheiden, je nachdem, ob nur eine oder aber mehrere Sprachsysteme beteiligt sind:

  1. Die Intralingualspiele und
  2. die Interlingualspiele.

Die Intralingualspiele bewegen sich innerhalb einer Einzelsprache. Dabei ist zu beachten, daß für jedes Sprachzeichen eine standardisierte Aussprache existiert, die jedoch von den wenigsten Sprechern einer Sprache exakt eingehalten wird. Zudem ist auch die Standardaussprache nicht immer proportional zu der Phonie der einzelnen Buchstaben, die das Sprachzeichen auf schriftlicher Ebene konstituieren. Diese Diskrepanzen können zu wortspielerischen Zwecken eingesetzt werden.
Konsequenterweise ist hierbei die durchgängige Verschriftung von Dialekten – wie sie zum Beispiel in den Werken von Heimatdichtern oder als Charakterisierung von sprechenden Personen in literarischen Texten vorkommt – auszuschließen, da es für Dialekte und Soziolekte keine orthographische Norm gibt, und wo keine Norm ist, kann auch nicht gegen sie verstoßen werden.69 Würden dagegen z.B. einzelne Dialektwörter in einem standardsprachlichen Text eingesetzt, ohne den Codewechsel plausibel zu machen, läge eine Normwidrigkeit und somit ein Wortspiel vor.70 Intralingualspiele können außerdem durch die Verschriftlichung besonderer Betonungen erzeugt werden, wie z.B.

Uuunglaublich. Traumhaft wie immer, Preissenkungen wie nie.71

Der Verstoß gegen die orthographische Norm ist offenkundig. Die transportierte metasprachliche Information besteht in diesem Beispiel darin, daß die geschriebene Sprache besonderen Betonungen keine Rechnung tragen kann. Folglich müssen solche Gebilde zu den Wortspielen gerechnet werden.
Interlingualspiele auf der Basis von Lautverschriftung sind im Bereich zwischen zwei Einzelsprachen angesiedelt. Sie gründen sich

"auf dem Versuch, die A-sprachliche Standardaussprache einer A-sprachlichen Graphemsequenz X mit den graphemischen Mitteln der Sprache B wiederzugeben, indem man eine Graphemsequenz Y erzeugt; […]".72

Einfacher ausgedrückt: Die Aussprache einer sprachlichen Einheit der einen Sprache wird mit den Graphemen (und ihrer zugehörigen Phonie) der anderen Sprache wiedergegeben. Ein Beispiel:

Ap tu deht73

In dieser Zeitungsüberschrift wird das englische up to date in deutscher Graphie reproduziert. Auch hier ist die Normwidrigkeit unübersehbar, auf der Metaebene wird die unterschiedliche Phonie von Graphemen in verschiedenen Sprachen thematisiert. Folglich handelt es sich hierbei ebenfalls um Wortspiele.
Lautverschriftungen können selbstverständlich nur in geschriebenen Texten eine Rolle spielen. Das Pendant in der gesprochenen Sprache wäre, wenn man Sprachzeichen der einen Sprache gemäß den Ausspracheregeln der anderen Sprache artikulieren würde. Für das Korpus dieser Arbeit, das ausschließlich aus geschriebener Sprache besteht, haben solche Wortspiele jedoch keine Bedeutung, daher bleibt es bei dieser Erwähnung.

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