II.4.1.4 Zum Umgang mit Mischformen

Anhand der vorangegangenen Ausführungen konnte gezeigt werden, daß durchaus der Bedarf besteht, die Komplexen-Text-Spiele von der Gruppe der Ausdrucksanomalien zu unterscheiden. Letztere erfüllen zwar ebenfalls die aufgestellten Kriterien für Wortspiele – und können wohl auch von einem Rezipienten intuitiv als Wortspiele erkannt werden –, aber sie erzeugen dabei eben keinen komplexen Text. Allerdings gibt es Fälle, in denen Ausdrucksanomalien an der Entstehung komplexer Texte beteiligt sind. Anschaulich wird das durch folgendes Beispiel:

Biedere Männlichkeit erobert intellektuelle Dämlichkeit.74

Bei der Wortform Dämlichkeit handelt es sich einerseits um einen Systemleerstellen-Neologismus (abgeleitet von Dame, analog zu Mann > Männlichkeit), andererseits ist sie homonym zu Dämlichkeit als Substantiv zu dämlich. Um sich Spekulationen darüber zu entziehen, welches Wortspielprinzip hier vorherrschend ist, bezeichnet Heibert 1993, 92ff solche Wortspiele als Mischformen. Wortspiele vom Typ des genannten Beispiels können zu den Homonymie-Spielen gezählt werden, auch wenn die Homonymie nur über die Erzeugung einer Ausdrucksanomalie möglich ist, wenn der Eindruck überwiegt, daß sie gebildet wurden, um einen komplexen Text zu erzeugen.
Zwischen dem prototypischen Komplexen-Text-Spiel und der prototypischen Ausdrucksanomalie besteht also ein fließender Übergang. Nur anhand des einzelnen Beispiels kann entschieden werden, welches Prinzip vorherrschend ist und welcher Gruppe es demnach zuzuordnen ist. Das schließt natürlich ein gewisses Maß an Subjektivität ein. Im empirischen Teil wird daher bei den Belegen, die nicht zweifelsfrei einzuordnen sind, näher darauf einzugehen sein, welche Gründe dafür sprechen, sie zu einem bestimmten Wortspieltyp zu zählen.

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