II.4.2.1 Lexeme

Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Begriff "Wortspiel" sich nicht nur auf den spielerischen Umgang mit Wörtern bzw. Wortformen beschränkt, sondern allgemeiner als das Spiel mit sprachlichen Einheiten aufgefaßt werden muß. Im Zuge einer Typologisierung der Wortspielarten ist es wichtig zu unterscheiden, mit welcher sprachlichen Einheit ein Wortspiel gebildet wird. Diese Differenzierung soll nun vollzogen werden. Zudem muß geprüft werden, ob jede der im vorangegangenen Kapitel ausgemachten Wortspieltypen mit jeder potentiell für Wortspiele geeigneten sprachlichen Einheit gebildet werden kann.
Wenig Schwierigkeiten bereiten dabei die kleinsten potentiell isolierbaren sprachlichen Bedeutungsträger, die Wörter bzw. Lexeme.75 Das belegen viele der im letzten Kapitel aufgeführten Beispiele. Einzelne Wortformen können also zur Erzeugung jeglicher Art von Komplexen-Text-Spielen und Ausdrucksanomalien verwendet werden.
Zu den Lexemen werden hier auch die Synsemantika gezählt, also diejenigen Wortformen, die ihre Bedeutung "nur in […] Kombination mit anderen Bedeutungsträgern […]" erlangen.76 Ihre Inhaltsseite bezeichnet nicht ein Objekt, sondern erfüllt eine grammatische Funktion.77 Durch diese Eigenschaft können mit Synsemantika besondere Formen von Komplexen-Text-Spielen gebildet werden. Eco 1991, 105 macht das an einem einfachen Beispiel deutlich:

"Das /nach/ von /die Uhr geht nach/ ist nicht dasselbe, wie in /ich gehe nach Hause/."78

In diesem Fall ist also von einer Homonymie des Lexems nach auszugehen. Wird diese Homonymie nun wortspielerisch ausgenutzt, wie in folgendem konstruiertem Satz

Die Uhr ging nach und Peter nach Hause.,

so entsteht ein komplexer Text infolge von Polysyntaktizität. Wie bereits zuvor an einem Beispiel gezeigt, sind solche Polysyntaktizitäten oft Folge einer sprachlichen Fehlleistung.79
Auf dem gleichen Prinzip beruhen wortspielhafte Zeugmata, wie in folgendem Beispiel:

Erika von Pappritz brachte nicht nur Politikern Benimm bei, sondern darüber 1956 auch ein Buch heraus.80

Hier entsteht das Komplexe-Text-Spiel durch die Homonymie des Wortteils –bringen, das in den beiden Verben beibringen und herausbringen verschiedene grammatische Funktionen erfüllt.
Polysyntaktizitäten und Zeugmata sind in diesem Sinne Lexem-Amphibolien und werden somit auch diesem Wortspieltyp zugeordnet.

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II.4.2 Mit welcher sprachlichen Einheit wird gespielt?