II.4.2.2 Lexien

Von den Wortspielen mit einzelnen Wortformen sind diejenigen Wortspiele zu unterscheiden, die sich aus kohärenten Lexemsequenzen konstituieren.81 Mit Hausmann 1974 und Heibert 1993 wird als Oberbegriff für solche sprachlichen Einheiten der Terminus Lexie gebraucht. Im einzelnen fallen folgende sprachliche Einheiten unter den Begriff der Lexie:

  1. Lexemzusammensetzungen: Im Deutschen ist hier der Fall der Kompositabildung vorherrschend, während es in anderen Sprachen dagegen eher die mot composés sind. (vgl. frz. machine à laver – dt. Waschmaschine). Obwohl es sich bei einem Kompositum graphisch gesehen wiederum nur um ein Lexem handelt und nicht um eine Lexemsequenz, ist es trotzdem sinnvoll die Komposita zu den Lexien zu zählen, wenn sie sich analog zu den mot composés verhalten.83
  2. Phraseologismen: Im Sinne von Fleischer 1997, 68ff. sind hierunter Wortverbindungen zu verstehen, die keine festgeprägten Sätze sind und mindestens eines der folgenden Merkmale aufweisen: Idiomatizität, Stabilität, Lexikalisierung. Der Begriff Phraseologismus umfaßt also Phraseolexeme, Nominationsstereotype, kommunikative Formeln und Phraseoschablonen.
  3. Sprichwörter: Im Gegensatz zu Phraseologismen haben Sprichwörter keine syntaktische Anschlußmöglichkeit, sondern "stellen eigene Mikrotexte dar". Sie "[…] werden demzufolge nicht wie lexikalische Einheiten 'reproduziert', sondern wie andere Mikrotexte […] 'zitiert'."84 (Ein Sprichwort wäre z.B. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, jmdm. eine Grube graben hingegen ein Phraseologismus)
  4. Zitate: Hierunter sind Zitate aus allen Bereichen des Lebens zu verstehen (Politik, Philosophie, Literatur, Musik etc.), die gewissermaßen repräsentativ für einen größeren Zusammenhang stehen, einen hohen Bekanntheitsgrad erreichen konnten und sich dadurch als kohärente Lexemverbindungen im Sprachgebrauch festgesetzt haben. Ein Beispiel hierfür aus jüngerer Zeit wäre Gorbatschows Ausspruch Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Im Hinblick auf den Gegenstand dieser Arbeit sind natürlich Zitate aus der Werbung von besonderem Interesse, wie z.B. Nicht immer – aber immer öfter.
  5. Titel: Analog zu den Zitaten sind Titel von Büchern, Filmen, Liedern, Theaterstücken u.ä. zu betrachten, wie z.B. Kann denn Liebe Sünde sein? (vgl. Kap. II.3.1), Zurück in die Zukunft oder Der arme Poet.

Diese doch recht heterogenen Elemente können deshalb zu der Gruppe der Lexien zusammengefaßt werden, weil sie sich beim Bilden von Wortspielen sehr ähnlich verhalten. Durch ihre innere Kohärenz bieten sie eine ideale Angriffsfläche für das Erzeugen von Normwidrigkeiten, Diese Kohärenz kann relativ einfach durch Manipulation an der Ausdrucksseite der Lexie gebrochen werden. Solche Manipulationen können auf verschiedene Weise realisiert werden, z.B. durch den Austausch eines Lexienbestandteils (Wobei die Paronymie zwischen den ausgetauschten Elementen nicht zwangsläufig ist):

Der neue Ballettdirektor von Stuttgart. Zwischen die Stile gesetzt.85

oder durch Expansion eines Bestandteils

Vom Bombenregen in die Traufe kommen.86

Man kann in diesen beiden Fällen von einer vertikalen Lexien-Paronymie (bzw. einer Lexien-Substitution) sprechen.87
Da die meisten Lexien zudem eine übertragene Bedeutung (idiomatisch oder metaphorisch) aufweisen, die Bedeutung der gesamten Lexie also von der Bedeutung der sie konstituierenden Elemente abweicht, bieten sie sich für Homonymie-Spiele geradezu an: Die Lexie ist in ihrer übertragenen Bedeutung homonym zu der nicht-lexienhaften Aneinanderreihung ihrer Bestandteile (sprich: der Lexie in ihrer wörtlichen Bedeutung). Eine solche Remotivation der wörtlichen Bedeutung (bzw. einer simulierten oder vorgetäuschten wörtlichen Bedeutung88) kann zum Beispiel89 durch den inner- oder außersprachlichen Kontext erfolgen:

Der Schaffner genießt den Sonntag in vollen Zügen.90

Bevor Sie in die Luft gehen.
(Lufthansa-Werbung = außersprachlicher Kontext)91

Das Gros der bundesdeutschen Hosen-Träger männlichen Geschlechts ist an Modedingen nicht interessiert.92

Es wird deutlich, daß Lexien analog zu einzelnen Wortformen Komplexe-Text-Spiele bilden können.
In der Gruppe der Ausdrucksanomalien spielen die Lexien in erster Linie bei den anomalen Kombinationen eine Rolle: Auch Lexien können haplologisch zusammengesetzt oder verschmolzen werden, z.B.

Das ist des langen Pudels kurzer Kern.93

Da sich hier nicht zwei Isotopien gegenüberstehen und die wörtliche Bedeutung der Lexien Das ist des Pudels Kern und Das ist der langen Rede kurzer Sinn auch nicht remotiviert werden, handelt es sich um eine reine Ausdrucksanomalie. Eine Aneinanderreihung von Lexien mit übertragenem Sinn kann aber auch eine Remotivierung der wörtlichen Bedeutung zur Folge haben, vor allem dann, wenn die wörtlichen Bedeutungen zueinander passen, wie in folgendem Beispiel:

Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen.94

In solchen Fällen führt die – wie Heibert 1993, 68ff. sie nennt – Metaphernkollision zu einem Komplexen-Text-Spiel.

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