II.4.3 Zusammenfassung

Die Ausführungen in diesem Kapitel zeigen, daß es nicht gerade einfach ist, alle sprachlichen Äußerungen, die intuitiv als Wortspiele aufgefaßt werden können, in eine überschaubare Typologie zu fassen. In diesem Sinne ist wohl auch die folgende Äußerung von Grassegger 1985, 32 zu verstehen:

"Nun entspringt es aber einem grundlegenden menschlichen Wesenszug, die Summe von Einzelphänomenen nach unterschiedlichsten Kriterien zu gliedern und zu ordnen, um so zu einer (zunächst vorwissenschaftlichen) Systematik der Erfahrungswelt zu kommen. Eine (sprach-)wissenschaftliche Kategorisierung aller als Sprachspiele empfundenen Erscheinungsformen birgt aber das Risiko in sich, die bunte Vielfalt spielerischer Phantasie in den Fesseln der linguistischen Terminologie zu ersticken."

Trotz dieser Warnung wurde in der vorliegenden Arbeit dem "menschlichen Wesenszug" Rechnung getragen; zum einen, um die Fülle des sprachlichen Materials in dem für diese Arbeit erstellten Korpus zu bewältigen, zum anderen aber vor allem, weil von der Hypothese ausgegangen wurde, daß unterschiedliche Typen von Wortspielen in Werbeanzeigen auch eine unterschiedliche Funktion erfüllen.
Im folgenden werden die Wortspieltypen, die im empirischen Teil unterschieden werden, noch einmal zusammenfassend dargestellt:

  1. Komplexe-Text-Spiele:
    Alle Wortspiele, die in irgendeiner Weise einen komplexen Text erzeugen, d.h. auf dem Prinzip Gleichklang oder ähnlicher Klang bei verschiedenem Sinn beruhen. Für alle Komplexe-Text-Spiele gilt, daß sie entweder textintern oder textextern gebildet werden können. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen:
    1. Amphibolien
      Vertikale Wortspiele, die durch Homonymie oder Homographie erzeugt werden. Amphibolien sind möglich mit Lexemen, Lexien, Eigennamen und Kurzformen.
    2. Substitutionen
      Vertikale Wortspiele, die auf Paronymie oder Homophonie zurückzuführen sind. Substitutionen können mit Lexemen, Lexien, Eigennamen und Kurzformen erzeugt werden.
    3. Variationen
      Horizontale Wortspiele, die auf Homonymie oder Homographie basieren. Variationen können mit Lexemen, Lexien, Eigennamen und Kurzformen realisiert werden.
    4. Paronomasien
      Horizontale Wortspiele mit paronymen oder homophonen Lexemen, Lexien, Eigennamen oder Kurzformen.
  2. Ausdrucksanomalien
    Alle Wortspiele, die keinen komplexen Text bilden. Ausdrucksanomalien sind immer textintern. Es muß unterschieden werden zwischen:
    1. Anomalen Kombinationen
      Wortspiele, die durch die normwidrige Aneinanderreihung oder Verschmelzung von sprachlichen Einheiten entstehen. Diese sprachlichen Einheiten können Lexeme, Lexien oder Eigennamen sein.
    2. Systemleerstellen-Neologismen (SLN)
      Wortspiele, die auf der Neubildung eines Ausdrucks beruhen, durch den eine Systemleerstelle gefüllt wird. SLN können mit Lexemen, Lexien oder Eigennamen gebildet werden.
    3. Lautverschriftungen
      Wortspiele, die auf der Diskrepanz zwischen Phonie und Graphie von sprachlichen Einheiten basieren. Bei Lautverschriftungen können theoretisch alle vier hier unterschiedenen Arten von sprachlichen Einheiten involviert sein. Je nachdem, ob eine oder mehrere Einzelsprachen beteiligt sind, muß bei den Lautverschriftungen zudem zwischen Intra- bzw. Interlingualspielen differenziert werden.

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